Potentieller, erdachter Raum – und Kreativität „aus dem Nichts“

(English version below)

Wirklich „leerer“ Raum existiert auf der Erde kaum. Es wäre auch nicht so angenehm, in einem Vakuum zu hausen.

Ein Bekannter, der vorhatte, Künstler zu sein, hat sich mal daran ausprobiert, das Nichts zu erkunden. Er fand es schwierig, eine Leinwand wirklich mit „nichts“ und leer zu gestalten. Allein die Leinwandfarbe, gespannt auf Holzleisten, ist schon „etwas“. Indem wir die Leinwand färben, haben wie sie schon manipuliert und ist etwas da.


Das Konzept des „Nichts“.

blank frame above table
Photo by MockupEditor.com on Pexels.com

Auch wenn es in Michael Ende’s Unendlicher Geschichte das fiktive Land Phantásien bedroht, ist „das Nichts“ mich irgendwie unwirklich. In dem Buch fühlt sich „das Nichts“ so an, als wäre man blind wenn man auf eine Stelle schaut, schreibt Michael Ende. Viele Phantasier in dem Buch möchten sich in dieses Nichts hinein stürzen, so anziehend ist es.

In unserer realen Welt, hingegen, ist immer „etwas“ da. Auch wenn es nur unsere eigenen Gedanken sind, oder die Interpretationen der Anderen. Im Theater wird genau damit gespielt.

„Ziel des Improvisationstheaters ist es, aus dem Nichts heraus
Kunst zu schaffen – in Gegenseitigkeit.“
(Del Close)


Auf der Suche nach dem Nichts

Um im Improvisationstheater auf die Suche nach dem Nichts (vgl. auch Arbeiten von Keith Johnstone) zu gehen, können wir zwei Schauspielende bitten, auf eine leere Bühne stellen, und einfach abzuwarten, bis eine Szene „entsteht“.

Innerhalb einer kurzen Zeit wird durch die Interaktion der beiden eine Szene beginnen. Selbst wenn beide sich bemühen, wirklich gar nichts zu „tun“, wird das Publikum aus einzelnen, wahrgenommenen Reizen, etwas interpretieren. (Hat sie geschluckt, weil sie sich unwohl fühlt? Hatte er da nicht eben ein Lächeln im Mundwinkel? Haben die beiden also eine gemeinsame Vergangenheit?)

Im Improvisationstheater verzichten wir gänzlich auf Requisiten und Theaterkulissen. Trotzdem wird das, was gespielt wird, temporär als Wirklichkeit akzeptiert. (Diese Wirklichkeit nicht zu akzeptieren, ist der Tod jeder Szene). Das, was als Szene, sozusagen aus dem Nichts entsteht, kommt durch die Interaktion der Schauspielenden ins Rollen. Um das zu schaffen, nutzen Improvisations-Schauspielende Formen und Regeln; z.B. lernen sie, Spielangebote Anderer nach Möglichkeit anzunehmen, also Ja zu sagen, auch wenn sie nicht wissen, wohin das Ja führen wird.

Die Spielimpulse entstehen einerseits dadurch, zu erkennen, welche eigenen Ideen man gerade hat und sie mutig zu zeigen; und anderseits dadurch, zu schauen, welche Spielangebote andere machen.


Konflikt im Improvisationstheater

Schauspielerinnen und Schauspieler lernen auch, überzeugende Geschichten für das Publikum zu bauen, indem mögliche Konflikte, die in einer Szene entstehen, also Probleme, nicht direkt gelöst werden, sondern sogar explizit zur Schau gestellt werden (Mit der Wirkung ähnlich eines Schaufensters: Da schau an, ein Konflikt – wie schön der ist! Den würde ich auch gerne haben… Aber zum Glück ist mein eigenes Leben geordnet…).

brown wooden armchair on brown wooden floor

Photo by Marcelo Jaboo on Pexels.com

Ich finde das Konzept des Konflikts im Schauspiel spannend: Bevor ich Angst bekomme, dass ein Problem sich vielleicht zeigen könnte und durch Andere als peinlich wahrgenommen wird, kann ich es akzeptieren und so klar wie möglich benennen.

Ein Beispiel, wie das praktisch machbar ist: „Ja, ihr seht das ganz richtig: Ja, ich habe durch meine Prüfungsangst gerade bei meiner Abschlussarbeit gerade ein Blackout gehabt. Seht her, das ist ein schönes, großes Blackout!“


Indem wir im Improtheater auf diese Weise mit dem Konflikt spielen, bekommen wir die Kontrolle über den Konflikt zurück.

Dann merken wir, dass wir in den meisten Fällen gar nicht das Problem „sind“, sondern in dem Augenblick eben nur eine Herausforderung „haben“. Herausforderungen sind meistens lösbar.

Das Problem zur Schau stellen, sichtbar machen, kann auf diese Weise auch mal befreiend sein, statt zu einem peinlichen Etwas zu werden, das wir am liebsten verbergen möchten.

Zwischenfazit

Wir können darauf vertrauen, dass etwas entstehen wird, auch wenn wir gerade gar nichts zu wissen scheinen
.


Leerer Raum birgt immer das Potential, das etwas Neues entstehen kann.

Aber noch haben wir die Frage, wann Kreativität aus dem Nichts entsteht, nicht beantwortet. Dies bleibt Teil dessen, was wir zusammen erkunden und diskutieren sollten, finde ich. Stattdessen haben wir einen kleinen Abstecher zum potentiellen Raum (Theaterraum) gemacht … und genau deswegen hat das Thema etwas mit der Umweltpsychologie zu tun.

Kommentier gerne:

  • Wie erlebst Du „leeren“ Raum, oder „potentiellen“, erdachten Raum?
  • Oder ist das ein komisches Konzept, das so keinen Sinn macht?

Was meinst du dazu? Schreib doch einen Kommentar, wenn du magst! 🙂

 


Weiterlesen? Aber gern!

(Falls Du Dich nun fragst, was dieser Abstecher mit der „Forschung“ an sich zu tun hat, habe ich einen Lese-Tipp für dich: Ein ehemaliger Mitspieler, Dr. Ivo Swartjes hat über Improv seine Diss geschrieben.)

Und zuletzt – Passen Wissenschaft und Improvisations-Theater zusammen?
Ja. Im Juni 2018 hatte Hauraus TV mich interviewt, wie das Wissenschaftliche Schreiben und die Konzepte der Impro zusammenhängen, nachdem ich zu diesem Thema einen Workshop im Kontext mit der jährlich wiederkehrenden Langen Nacht des Wissenschaftlichen Schreibens der Bauhaus Universität Weimar gehalten habe.


Am 27.06.2018 auf Youtube veröffentlicht; alle Rechte von Hauraus TV .


(English version, using „DeepL.com“ – not affiliated, but for your convenience)

Really „empty“ space hardly exists on earth. It would also not be so pleasant to live in a vacuum.

An acquaintance who intended to be an artist once tried his hand at exploring nothing. He found it difficult to really design a canvas with „nothing“ and empty. The canvas colour alone, stretched on wooden strips, is already „something“. By coloring the canvas, we have already manipulated it and something is there.

The concept of „nothing“.
Even if in Michael Ende’s Infinite Story it threatens the fictional land of Phantásien, „Nothing“ is somehow unreal to me. In the book, „nothingness“ feels like you’re blind when you look at a place, Michael Ende writes. Many fantasists in the book want to plunge into this nothingness, that’s how attractive it is.

In our real world, on the other hand, there is always „something“. Even if it is only our own thoughts, or the interpretations of others. In the theatre this is exactly what is played with. (Note: I think we should all play more).

„The aim of improvisational theatre is to create out of nothing
to create art – in reciprocity.“
(Del Close)

In search of nothingness
In order to search for nothing in improvisation theatre (see also works by Keith Johnstone), we can ask two actors to stand on an empty stage and simply wait until a scene „emerges“. Within a short time, a scene will begin through the interaction of the two. Even if they both try not to „do“ anything at all, the audience will interpret something from individual, perceived stimuli. (Did she swallow because she feels uncomfortable? Didn’t he just have a smile in the corner of his mouth? So do the two have a common past?)

In improvisational theatre, we completely dispense with props and theatrical backdrops. Nevertheless, what is played is temporarily accepted as reality. (Not accepting this reality is the death of every scene). What emerges as a scene, out of nothing, so to speak, begins to roll through the interaction of the actors. In order to achieve this, improvisational actors use forms and rules; e.g. they learn to accept other people’s play offers as far as possible, i.e. to say yes, even if they do not know where the yes will lead.

The game impulses arise, on the one hand, from recognizing one’s own ideas and showing them courageously; and, on the other hand, from looking at which game offers others are making.

Conflicts in improvisation theatre
Actresses and actors also learn to build convincing stories for the audience by not directly solving possible conflicts that arise in a scene, i.e. problems, but even displaying them explicitly (with the effect similar to a shop window: Look at this, a conflict – how beautiful it is! I would like to have that too… But fortunately my own life is ordered…).I find the concept of conflict in drama exciting: Before I get afraid that a problem might show up and is perceived as embarrassing by others, I can accept it and name it as clearly as possible.

An example of how this can be done in practice: „Yes, you see that quite rightly: Yes, I just blacked out at my final thesis because of my examination anxiety. Look, that’s a nice big blackout!“

By playing with the conflict this way, we get control back over the conflict.

Then we realize that in most cases we are not „the problem“ at all, but only „have“ a challenge at that moment. Challenges are usually solvable.

Showing off the problem, making it visible, can also be liberating in this way, instead of becoming an embarrassing something that we would like to hide most of all.

Interim conclusion
We can trust that something will emerge, even if we don’t seem to know anything at all.

Empty“ space always holds the potential for something new to emerge. But we still haven’t answered the question of when creativity emerges from nothing. Instead we have made a small detour to the potential space (theatre space) … and exactly for this reason the subject has something to do with environmental psychology. But if you are wondering what this side trip has to do with „research“ itself, I have a reading tip for you: A former fellow player, Dr. Ivo Swartjes, wrote his dissertation about Improv.

Conclusion – do science and improvisation theatre fit together?
Please feel free to comment:

→ How do you experience „empty“ space, or „potential“ imaginary space? Or is that a strange concept that doesn’t make sense? What do you think? Write a comment, if you like! 🙂

(Translated with http://www.DeepL.com/Translator)

 

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