Methoden zur Messung der Mensch-Umwelt Interaktion (measuring human-environment interactions)

 

Jetzt ist es beinah so weit. Demnächst werde ich beim Future Cities Lab (FCL, einem Abzweig der ETH Zürich) in Singapur weiter forschen. Nächste Woche geht der Flug…

Unsere Forschung soll mehr Einsicht darüber geben, wie Menschen sich in komplexen, mehrstöckigen Gebäuden zurechtfinden. Wir analysieren die Wegfindungsentscheidungen von Einzelpersonen innerhalb von großen Menschenmengen – ebenso wie die Auswirkungen der gebauten Umwelt auf diese Entscheidungen von Individuen im Raum.

Gerade bei hohen Bevölkerungsdichten auf vergleichbar kleinem Raum (wie in Singapur) ist es wichtig, die Menschenmassen so zu steuern, dass sich alle Individuen trotzdem wohlfühlen (Mehr zum Gefühl der beengenden Dichte in warum-finden-wir-es-stressig-wenn-zu-viele-menschen-um-uns-herum-sind?).

Das neue Forschungsprojekt, an dem ich demnächst 10 Monate arbeite, ist also wieder einmal klassische Umweltpsychologie; und ein bisschen Kognitionswissenschaft, Informatik und Architektur – also: Herzblut!


Methoden zur Messung der Mensch-Umwelt Interaktion

Aber wie erforscht man, wie sich Leute orientieren – wie sie sich in verschiedenen Räumen fühlen, verhalten, denken?

Wir nutzen Feldstudien in „realen Räumen“ (z.B. Shopping malls) und in virtuellen Simulationen von Räumen. Aus dem Realraum können wir beobachten, wie sich Leute verhalten und wo der Raum suboptimal ist. Den virtuellen Raum (VR) nutzen wir als Werkzeug zur Simulation und zur Bewertung verschiedener Gestaltungsmöglichkeiten des Raums. Mittels VR können wir z.B. Designvariante „A und B“ vergleichen. Indem wir die Enge eines Flures ändern, oder Sichtfelder durch Entfernen von Wänden öffnen (vgl. auch die Forschungsarbeit von einem ehemaligen Kollegen, der genau dazu forschte, Brösamle, Hölscher, & Vrachliotis, 2007).

chart close up data desk
Photo by Lukas on Pexels.com

 

 

 

 

Das Verhalten und die Kognition von Menschen in Räumung messen wir, indem wir es systematisch beobachten. Weitere Möglichkeiten sind physiologische Messungen, wie über den Hautleitwert und die Herzfrequenz. Dies soll Rückschlüsse über die emotionalen Zustände von Menschen in Interaktion mit ihrer Umwelt zulassen. Natürlich kann man letzteres auch mit Fragebögen, Interviews usw. messen.

Parallel nutzen wir räumliche Analysemethoden (z.B. Space Syntax), um Raumeigenschaften, die Entscheidungen im Raum beeinflussen, zu quantifizieren. Das bedeutet: Räumliche und menschliche Eigenschaften werden in Zahlen ausgedrückt. Auf diese Weise können wir Daten von Mensch und Raum in Verbindung zueinander auswerten. Ist das nicht cool? 🙂


ABER: Warum der ganze Aufwand?

Eine solche Forschung über Mensch-Umwelt-Interaktionen zielt insgesamt darauf ab, Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse zu verstehen, welche dem Verhalten zugrunde liegen. Konkret bedeutet das:

  • Auf lokaler Ebene sollen z.B. Stadträume zu einem besseren Verkehrs-/Personenfluss und so zu mehr Wohlbefinden führen.
  • Auf globaler Ebene können sich diese Räume z.B. in angrenzende Stadtteile integrieren und Staus an anderen Orten der Stadt abbauen.
  • und: mittels der Forschungsevidenz können wir Leitlinien für die Gestaltung öffentlicher Räume erarbeiten – die noch genauer auf die Bedürfnisse von den Nutzern des Raumes eingehen.

Das langfristige Ziel ist, reaktionsfähige, nutzerfreundliche Umwelten zu schaffen. Demnächst kann ich dazu hier mehr schreiben.

Ich bin gespannt!

 

 


Das Future Cities Lab (FCL) ist Teil des Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability (SEC). Die SEC wurde 2010 in Singapur als gemeinsame Initiative der ETH Zürich und der National Research Foundation (NRF) als Teil des CREATE Campus des NRF gegründet. Die SEC ist eine Institution, die eine Reihe von Forschungsprogrammen umfasst, von denen das erste das Future Cities Laboratory (FCL) ist, gefolgt von den Future Resilient Systems (FRS). Die SEC will die Fähigkeit Singapurs und der Schweiz stärken, die Herausforderungen der globalen ökologischen Nachhaltigkeit zu erforschen, zu verstehen und aktiv darauf zu reagieren (= responsive City Konzept). Sie ist motiviert von dem Bestreben, das höchste Potenzial für heutige und zukünftige Gesellschaften zu realisieren.

2 Kommentare zu „Methoden zur Messung der Mensch-Umwelt Interaktion (measuring human-environment interactions)

  1. Ein hochinteressantes Forschungsfeld hast du dir ausgesucht. Bin gespannt auf die Ergebnisse. Du schreibst von reaktionsfähigen Umwelten. Wie kann ich mir das vorstellen? Wo ist der Ort der Reaktion und wie flexibel ist diese?
    Ich wünsch dir eine gute Zeit in Singapur!

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  2. Danke für das Feedback und die wiederum spannende und sehr berechtigte Frage!

    Im groesseren Sinne meint es denke ich die Bürgerbeteiligung bei der Evaluation von Planungsvarianten. Aber die Nutzerbeduerfnisse koennen sich im Laufe der Zeit aendern, da Gesellschaften und Technologien sich aendern – und man kann Stadtteile und Gebaeude nicht staendig abreissen und neu bauen (geht schon, aber ist teuer und nicht nachhaltig). Reaktionsfähig meint also eine zeitnahe Reaktion auf den Nutzer, z.B. durch neue Sensortechnologien und durch Analyse der Interaktionen zwischen Menschen und der Umwelt.

    Ich kann mir das ja selbst auch noch nicht ganz vorstellen. Denn zugegeben: zurzeit ist das meiste davon (noch?) nicht da. Deswegen bleibt darueber reden auf einem abstrakten Niveau. Ich stelle es mir aber so vor, dass es bessere Technologien geben sollte, um Nutzer des Raums in die Planung mit einzubinden (das ist zurzeit etwas umstaendlich), oder z.B. Kuehlung abzustimmen, wenn das Wetter heisser wird (das ist in Deutschland vielleicht weniger relevant als in Singapur, wo es 70% Luftfeuchtigkeit und warm ist). Aber ja, die Antworten darueber, wie das in zukuenftigen Staedten werden soll… habe ich gerade nicht. Aber darueber forschen wir hier im FCL mit verschiedenen Leuten (Städtebau/Architektur/Design, Psychologie/Sozialwissenschaft, Kognitionswissenschaft, Informatik, Ingenieurwesen und Verkehrsplanung – nein, das sollte keine Reklame sein, sondern das Aufzeigen der Interdisziplinaritaet).

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