Warum finden wir es stressig, wenn zu viele Menschen um uns herum sind? – Die urbane Dichte. (or: why do we perceive an environment stressful, if too many people are around us? – Crowding)

(English Version below)

Städte sind großartig. Da ist immer was los. Aber weltweit wachsen die Städte. Sodass sich die Welt für uns immer „voller“ anfühlt.


Wenn wir erleben, dass es „zu“ viele Menschen um uns herum gibt, fühlen wir uns oft unwohl oder gestresst. Da rempelt uns vielleicht jemand an, der Raum fühlt sich auf einmal „zu eng“ an, unser Freiraum ist bedroht… Sicherlich kennst Du das auch. Aber es gibt auch gute Nachrichten:

Die Architektur beeinflusst, wie sich Menschen durch Räume bewegen.


time lapse photography of people walking on pedestrian lane
Photo by Mike Chai on Pexels.com

Der Raum kann also die Menschenmengen im Raum steuern. Dabei sind in der Architekturpsychologie zwei „Maße“ wichtig:

  1. die Dichte und
  2. das Crowding.

1) Die Dichte (Density) ist ein Aspekt in der Architekturplanung: Das Maß der Dichte meint vorrangig die Anzahl der Menschen pro Quadratmeter (Stokols, 1972).

2) Wie unser Erleben dieser Anzahl, die sich um uns herum tummelt, ist, ist ein anderes Konzept: das des Crowdings. Dieses Maß meint das individuelle Erleben der Menschenmengen um uns herum.

Natürlich haben Crowding und Dichte miteinander zu tun. Ich würde sagen, dass Crowding subjektiver ist als das die Dichte.


Was sagt die Forschung zum Thema Crowding?

Gifford, Steg und Reser (2011) schreiben, dass die eigene Persönlichkeit, die individuellen Erwartungen und Einstellungen; die Handlungen anderer Menschen im Raum; sowie räumliche Gegebenheiten unsere Wahrnehmung von Menschenmassen, also das Crowding, beeinflussen.

Mir reichte es z.B. früher, in Dortmund und Münster (obwohl beide Städte sich stark unterscheiden), den samstäglichen Einkaufstummel als „zu viel“ zu erleben. Oft musste ich dann mit meiner Mutter „abtauchen“ und ein Eis in einer ruhigen Ecke essen gehen: Dann ging’s wieder. Wie ist das bei Dir – welche Strategien setzt du ein, wenn dir die Umwelt zu voll, laut, stressig (usw.) erscheint?

Menschen, die in großen Städten aufwachsen, sind mehr an die Enge gewöhnt, als Menschen, die eher in Kleinstädten aufwachsen. Doch nicht nur unsere Vorlieben und Erfahrungen bestimmen, ob wir die Menschenmengen um uns herum als „angenehm“, „okay“, oder als „stressig“ erleben.


Kontext: Auf einem Festival oder Konzert ist es toll, wenn man Schulter an Schulter steht und zusammen die Musik erlebt. Da ist das Crowding sogar gewünscht. Wären nur wenige Menschen auf dem Konzert, so würden wir uns wundern, ob wir woanders etwas verpassen, da keiner mit uns das Konzert besucht.
Dahingehen fühlen sich zehn Menschen in einem Aufzug hingegen beengend an, weil der Platz für die Einzelne und den Einzelnen schwindet: es gibt Platznot.

Der Kontext ist wichtig: wo sind wir, was ist gerade unsere Motivation, hier zu sein?

crowd in front of people playing musical instrument during nighttime
Photo by picjumbo.com on Pexels.com

Aber wann empfinden wir die anderen Menschen, die sich mit uns im selben Raum aufhalten, als stressig?


Abgesehen von individuellen Vorlieben und Merkmalen und dem Kontext, gibt es zwei Prozesse, die zu negativem Erleben der Menschenmengen führen können:

  1. Kontrollverlust über die Umwelt
    und
  2. Zu viele Informationen / Überstimulierung.

Erstens: Mit Kontrollverlust meine ich, dass wir nicht (mehr) kontrollieren (können), was um uns herum geschieht. Diese Unvorhersehbarkeit kann uns negativ beeinflussen.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, plötzlich zieht sich die Gasse mit Touristen zu. Du musst Dich durch sie hindurch drängen, um noch rechtzeitig zu Deinem Termin zu kommen. Das nervt. Auch Staus empfinden wir oft als stressig, weil wir noch nicht wissen, wie lange der Stau dauern wird, und weil unser Zeitplan dadurch ins Wanken kommt.

Zweitens: Es gibt Reize in der Umwelt und irgendwann kann es dazu kommen, dass wir diese nicht mehr verarbeiten können. Es fällt uns dann schwerer, mit den Informationen im Raum umzugehen. Wir erleben zu viele Dinge auf einmal.
Wenn es z.B. durch die anderen Menschen sehr laut ist, kostet es uns Aufmerksamkeit, noch der Freundin oder dem Freund gut zuzuhören. Das strengt an.


car side mirror showing heavy traffic

Photo by STANLEY NGUMA on Pexels.com

Crowding wird dann stressig, wenn wir im Wettbewerb mit anderen Menschen stehen.

Zum Beispiel dann, wenn wir in einem Stau alle gleichzeitig nach Hause wollen, aber sich nichts bewegt. Wir reagieren dann oft emotionaler als sonst. So kann z.B. sein, dass wir plötzlich wütend werden, dass „der oder die vor uns“ im Stau nicht weiterfährt (obwohl wir natürlich auch „der oder diejenige“ vor wiederum jemand anderem sind). Durch Crowding können wir uns also emotional aufregen – aber auch körperlich: Es kann sein, dass wir mehr schwitzen, einen höheren Blutdruck haben, oder allgemein aufgeregter als gewöhnlich sind.

Ich will nicht schreiben, dass wir durch Crowding asozialer werden. Aber wir sind in diesem Stress weniger bereit, anderen zu helfen, vermeiden Augenkontakt, usw. Manche Männer werden unter stressigen Crowding-Situationen interessanterweise auch aggressiver (Gifford, 2007). Auch im Fußballstadion können die Emotionen bei einigen Menschen so arg auflaufen, dass es Krawalle gibt. Aber vielleicht kommt die diesjährige WM ohne Krawalle aus? Bislang sieht es, außer viel Emotionen bei den Zuschauenden, doch ganz entspannt aus – weil alle das selbe Ziel verfolgen und den Fußball zusammen erleben (ähnlich wie in unserem Festival Beispiel).


Wie beeinflusst die Architektur die Menschenmassen im Raum?

Architektur beeinflusst das Erleben von Menschenmassen, indem Wände usw. eingelassen sind, die unsere Bewegung beeinflussen. Es gibt in der Architekturplanung dafür auch computergestützte Werkzeuge, welche die Bewegungsflüsse im Raum vorhersagen. So können Architektinnen und Architekten die Anzahl der Menschen im Raum beeinflussen und steuern, z.B. auf Bahnhöfen und Flughäfen. Sie können die Architektur dann so planen, dass der Raum Menschen-Stauungen vermeidet.

Auch die Innenraumeinrichtung beeinflusst die Anzahl der Menschen im Raum, z.B. indem Stühle und Tische bestimmen, wie viele Leute an einem bestimmten Ort tatsächlich „Platz haben“, ohne miteinander in Konkurrenz um das Essen zu kommen. Die Raumhöhe kann durch Farben, Licht so eingestellt werden, dass wir weniger Stress durch andere Menschen erleben. Hohe Temperaturen und damit entstehende Gerüche machen uns aufmerksamer darauf, dass viele andere im Raum sind. Daher ist es wichtig, den Raum gut zu belüften.


Letztlich versammeln sich Menschen oft an bestimmten Orten im Raum. Auch dafür gibt es wieder computergestützte „Vorhersage“-Werkzeuge in der Architektur. So kann die Raumsyntax-Analyse („Space Syntax“, nach Hillier und seinen Kolleginnen&Kollegen) berechnen, wo es im Raum vermehrt Potentiale gibt, dass sich Menschen begegnen, oder dort aufhalten (dazu vielleicht demnächst mehr).

Was können wir gegen diese negativen Auswirkungen von „zu“ vielen Menschen im Raum selber tun?


Schau Dich mal um und du wirst das selbst observieren können:

man in train standing

Photo by mentatdgt on Pexels.com

Wie ist das z.B. in der U-Bahn oder im vollen Bus so, mit den Menschen in der Sardinenbüchse?
→ Wir schauen woanders hin, hören Musik mit Kopfhörern, versuchen anderen aus dem Weg zu gehen, lesen etwas, usw.
→Was ist Deine eigene Strategie?

Was mich übrigens noch am Rande fasziniert, ist die Idee, ein Team zum Mars (oder sonst wohin im Welt-Raum) zu schicken. Die würde ich als Psychologin vorher erst ein halbes Jahr in einem Unterwasserraum zusammen einsperren, um zu sehen, ob sie sich danach noch nett finden… (Frage: kann das überhaupt funktionieren, oder bringt das Team sich auf dem Mars dann spätestens nach ein paar Jahren gegenseitig um? Zur Territorialität werden wir irgendwann hier auch etwas lesen können).


Jetzt bist Du gefragt:

  • Wann findest du bestimmte Situationen mit Menschen im Raum stressig
  • Wie kommt das?

Magst Du Deine Gedanken als Kommentar mit uns im Kommentarfeld teilen? Ich freue mich darauf.


Weiterlesen

Dieser Blogartikel war inspiriert von einer kollegialen Freundschaft mit dem niederländischen Umweltpsychologen Joren van Dijk, der dort (lokal) sein Unternehmen Eyckveld hat.


English Version (using „DeepL.com“)

Cities are great. There’s always something going on. But cities are growing worldwide. So that the world always feels „fuller“ to us.

When we experience that there are „too“ many people around us, we often feel uncomfortable or stressed. Maybe someone is bumping into us, the room suddenly feels „too small“, our free space is threatened… Surely you know that too. But there is also good news:

Architecture influences how people move through rooms.

So the room can control the crowds in the room. Two „measures“ are important in architectural psychology: 1) density and 2) crowding.

Density is an aspect of architectural planning: the measure of density primarily means the number of people per square metre (Stokols, 1972).
How we experience this number of people around us is a different concept: that of crowding. This measure means the individual experience of the crowds around us.

Of course, crowding and density have something to do with each other. I would say that one (crowding) is more subjective than the other (density).

What does research say about crowding?

Gifford, Steg and Reser (2011) write that one’s own personality, individual expectations and attitudes; the actions of other people in space; and spatial conditions influence our perception of crowds of people, i.e. crowding.

For example, in Dortmund and Münster (although both cities differ greatly), it used to be enough for me to experience Saturday’s shopping stub as „too much“. Often I had to „dive down“ with my mother and have an ice cream in a quiet corner: Then it worked again. How about you – what strategies do you use when the environment seems too full, loud, stressful (etc.)?

People growing up in big cities are more accustomed to confinement than people growing up in small towns. But not only our preferences and experiences determine whether we experience the crowds around us as „pleasant“, „okay“, or as „stressful“.

At a festival or concert it is great to stand shoulder to shoulder and experience the music together. Crowding is even desired. If there were only a few people at the concert, we would be surprised if we miss something elsewhere, because nobody visits the concert with us.
Ten people in an elevator, on the other hand, feel cramped because the space for individuals and individuals is dwindling: there is a shortage of space.
The context is important: where are we, what is our motivation to be here?

But when do we find the other people in the same room stressful?

Apart from individual preferences and characteristics and context, there are two processes that can lead to negative experiences of the crowds:

  1. loss of control over the environment
    and
  2. too much information / overstimulation.

First: By loss of control I mean that we can’t (anymore) control what is happening around us. This unpredictability can have a negative impact on us.
An example: Let’s assume that the alley suddenly attracts tourists. You have to push through them to get to your appointment in time. That sucks. We also often find traffic jams stressful, because we do not yet know how long the traffic jam will last, and because our timetable will therefore be shaken.

Secondly, there are stimuli in the environment and at some point we may no longer be able to process them. It is then more difficult for us to deal with the information in the room. We experience too many things at once.
If, for example, it is very loud due to other people, it costs us attention to listen well to our girlfriend or friend. That’s exhausting.

Crowding becomes stressful when we are in competition with other people.

For example, when we all want to go home at the same time in a traffic jam, but nothing is moving. We often react more emotionally than usual. For example, it can happen that we suddenly become angry, that „the one in front of us“ does not continue in traffic jams (although of course we are also „the one or the one“ in front of someone else). So crowding can get us emotionally upset – but also physically: we may be more sweaty, have higher blood pressure, or generally more excited than usual.

I don’t want to write that crowding will make us more anti-social. But we are less willing to help others in this stress, avoid eye contact, etc. Interestingly, some men become more aggressive in stressful crowding situations (Gifford, 2007). Even in a football stadium, some people’s emotions can get so emotional that there are riots. But maybe this year’s World Cup will get by without riots? So far, apart from a lot of emotions among the spectators, it looks quite relaxed – because everyone is pursuing the same goal and experiencing football together (similar to our festival example).

How does architecture influence the masses of people in a room?

Architecture influences the experience of masses of people, in that walls etc. are embedded that influence our movement. In architectural planning, there are also computer-supported tools that predict the flow of movement in space. Architects can thus influence and control the number of people in the room, e.g. at railway stations and airports. You can then plan the architecture so that the room avoids human congestion.

Interior design also influences the number of people in the room, e.g. chairs and tables determine how many people actually have „space“ in a certain place without competing for food. The room height can be adjusted by colours and light in such a way that we experience less stress from other people. High temperatures and the resulting odours make us more aware that there are many others in the room. It is therefore important to ventilate the room well.

Ultimately, people often gather in certain places in the room. Again, computer-aided „prediction“ tools are available in the architecture. The space syntax analysis („Space Syntax“, according to Hillier and his colleagues&colleagues) can calculate where there is more potential in space for people to meet or stay (perhaps more about this soon).

What can we do about these negative effects of „too“ many people in the room itself?

Look around and you’ll be able to observe it yourself:
What is it like in the subway or in a full bus, for example, with the people in the sardine tin? → We look elsewhere, listen to music with headphones, try to avoid others, read something, etc.→Was is your own strategy?

Incidentally, what fascinates me on the side is the idea of sending a team to Mars (or anywhere else in the world). As a psychologist I would lock them up in an underwater room for six months to see if they would still find each other nice afterwards… (Question: can that even work, or will they kill each other on Mars after a few years at the latest? We will also be able to read about territoriality sometime here).

Why do you find certain situations with people in the room stressful? Would you like to share your thoughts as a comment with us in the comment field? I’m looking forward to it.


Read further

This blog article was inspired by a collegial friendship with the Dutch environmental psychologist Joren van Dijk, who has his regional company Eyckveld in The Netherlands.


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